Uno-Direktor Michael Moller macht Hoffnung auf Korea-Gipfel
«Wenn sie reden wollen, sind wir in 30 Minuten bereit»

Hinter den Kulissen arbeitet die Uno an einer Lösung des Streits zwischen Kim Jong Un und Donald Trump. Genf könnte eine zentrale Rolle dabei spielen, sagt Generaldirektor Michael Moller.
Publiziert: 09.09.2017 um 13:07 Uhr
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Aktualisiert: 12.09.2018 um 09:45 Uhr
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Michael Moller ist die Nummer eins der Uno in Genf. Der Standort gewinne an Bedeutung, sagt der Däne.
Foto: Keystone
Interview: Lea Hartmann

Herr Moller*, die Spannungen zwischen Nordkorea und den USA sind in den vergangenen Wochen massiv gestiegen. Wie reagiert die Uno auf diese Entwicklung?
Es ist absolut unabdingbar, dass der Konflikt auf friedlichem Weg gelöst wird. Bis anhin hatten es die meisten Akteure nicht sehr eilig, in dieser Sache die Uno ins Spiel zu bringen. Aber hinter den Kulissen passiert viel. Zentral ist sicher der Sicherheitsrat. Zusammen mit dem Generalsekretär versuchen die Mitglieder des Rats derzeit, eine Einigung zu finden. Die nächsten Tage werden entscheidend sein. Denn wenn Solidarität und Konsens zu diesem Thema wegbrechen, haben wir wirklich ein Problem.

Den Konflikt friedlich lösen heisst, auf Dialog zu setzen. Wäre Genf als etablierter Ort für Friedensverhandlungen dafür nicht genau richtig?
Generalsekretär Antonio Guterres hat das Angebot einer Uno-Mediation gemacht. Ich garantiere Ihnen: Wenn Nordkorea und die USA in Genf reden wollen, sind wir in 30 Minuten bereit. Das ist einer der Trümpfe der Stadt: Das System läuft so gut, dass wir immer bereit sind. Genf wird als Ort für Treffen und Gespräche denn auch immer gefragter. Wir haben darauf reagiert, indem wir im Palais des Nations einen speziellen Ort für Mediationen geschaffen haben. Es handelt sich um einen hermetisch abgesicherten Konferenzsaal mit einer kleinen Bar und Möglichkeiten des Rückzugs für bilaterale Gespräche. Er kam beispielsweise bei den Syrien- oder Zypern-Gesprächen zum Einsatz. Die Delegationen mögen den Raum sehr.

Donald Trump, Präsident des mit Abstand grössten Geberstaats der Vereinten Nationen, will die Uno-Beiträge der USA massiv kürzen. Ist der Standort Genf – nach New York nur Standort Nummer 2 – in Gefahr?
Nein, ich bin nicht beunruhigt. Ich sehe den Druck auch als Chance. Er hat zu einem Wiedererstarken der internationalen Solidarität geführt. Zudem ist durch die Entwicklungen in den USA – zum Beispiel die Tatsache, dass einige Personen kein Visum mehr erhalten – die Attraktivität der anderen Uno-Standorte gestiegen.

Eines Ihrer grossen Projekte als Generaldirektor ist die Renovation und der Umbau des Uno-Sitzes in Genf. Doch ist ein interner Umbau nicht viel dringender – beispielsweise, was den Sicherheitsrat anbelangt?
Wie sagt man so schön: Der Fisch beginnt immer vom Kopf her zu stinken. Wir versuchen den Sicherheitsrat seit 25 Jahren zu reformieren – und versuchen es weiterhin. Der Punkt ist: Man muss den Sicherheitsrat komplett anders denken. Er beschäftigt sich heute fast ausschliesslich mit Sicherheitsfragen. Doch wenn man heute ein Problem wirklich lösen will, muss man immer auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte miteinbeziehen. Dafür ist der Rat heute nicht ausgestattet. Doch diese Veränderung muss passieren, und zwar sehr bald. Sonst wird die Uno irrelevant.

Die Ausgangslage für eine Einigung hat sich in den vergangenen Jahren nicht gerade verbessert ...
Ja, es wird sehr schwierig werden, in dieser geopolitischen Situation zu einer Einigung zu kommen. Aber ich habe vorhin von dieser neuen internationalen Solidarität gesprochen, die gerade daran ist, sich wieder zu bilden. Aus ihr müssen wir die Kraft und den Konsens für eine Lösung ziehen.

Durch Vetos blockierte Resolutionen, wirkungslose Sanktionen, gescheiterte Friedensverhandlungen: Am deutlichsten zeigt derzeit wohl der Krieg in Syrien die Probleme der Uno und ihrer Mechanismen auf. Die Uno scheint machtlos, wo es sie am meisten brauchen würde.
Das stimmt nicht! Man muss sich immer in Erinnerung rufen, dass die UNO zwei Seiten hat. Die eine sind die Mitgliedsstaaten und ihr Wirken im Sicherheitsrat. Die andere Seite ist das System der Uno mit seinen Organisationen. Im Falle Syriens sieht man, dass der Sicherheitsrat gar nichts macht. Er hat es nicht geschafft, Entscheide zu treffen. Aber das UNO-System gibt Millionen Menschen zu essen, ermöglicht Bildung, kümmert sich um Millionen von Flüchtlingen. Dieses System funktioniert noch immer. Das vergisst man jeweils.

Eine Veränderung der Wahrnehmung der Uno und ihrer Arbeit: Genau das ist das Ziel eines Projekts, das sie als Generaldirektor seit 2013 vorantreiben. Wie sollen wir die Uno denn sehen?
Die Wahrnehmung der Uno besteht vor allem aus dem, was der Sicherheitsrat tut oder eben nicht, die Kriege, die man nicht beendet hat, und die Übergriffe von Soldaten bei Friedensmissionen. Doch das ist ein sehr kleiner Prozentsatz dessen, was die Uno ausmacht. Über 99 Prozent geht unter – Dinge, die das Leben eines jeden Menschen auf diesem Planeten angenehmer gemacht haben. Mein Ziel ist es, dass sich dessen jeder Mensch bewusst ist.

Die Schweiz ist seit nunmehr 15 Jahren Mitglied der Uno. Was brachte uns der Beitritt aus Ihrer Sicht denn konkret – und was der Uno?
Ich bin überzeugt: Der Beitritt bedeutet für beide Seiten einen Gewinn. Eine Mehrheit der Menschen auf der Welt glauben, die Hauptstadt der Schweiz ist Genf. Das kommt nicht von nichts! Das internationale Genf ist aus meiner Sicht ein wichtiger Bestandteil der Schweizer Identität. Und dass die Schweiz gezeigt hat, dass sie ihre Neutralität trotz Uno-Mitgliedschaft behalten kann, hat diese zusätzlich gestärkt. Das ist auch für uns ein Trumpf. Für uns ist wichtig, dass wir Mitglieder haben, auf die man sich verlassen kann. So ein Mitglied ist die Schweiz definitiv.

* Michael Moller (64) ist seit 2013 Generaldirektor der Uno in Genf und damit einer der höchsten Uno-Vertreter nach Generalsekretär Antonio Guterres. Der Däne steht seit über 30 Jahren im Dienst der Uno. Sohat er beispielsweise für das Hochkommissariat für Flüchtlinge in verschiedenen Ländern gearbeitet und war Uno-Sonderbeauftragter für Zypern. BLICK traf ihn in seinem Büro im Genfer Palais des Nations zum Gespräch.
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