Was ist wichtiger: eine bezahlbare Fremdbetreuung der Kinder oder staatlicher Schutz von Praktikantinnen in Kindertagesstätten? Darüber streitet sich die Schweiz, nachdem BLICK über die Pläne des Bundes für ein Praktika-Verbot berichtete.
Grund für den Eingriff in den Arbeitsmarkt ist die heutige Situation. Gemäss Erhebungen haben rund 55 Prozent des Personals in Deutschschweizer Kindertagesstätten keine qualifizierte Ausbildung.
Viele Kitas betreuen ein Dutzend Kinder mit einer Fachkraft, einer Lehrtochter und einer Praktikantin. Weil aber nicht alle Praktikantinnen eine Lehrstelle absolvieren können oder wollen, soll dieses System geschleift werden.
FDP warnt vor «übertriebener Professionalisierung»
Im Kanton Bern soll Praktikantinnen nach sechs Monaten ein Lohn von 3000 Franken bezahlt werden. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann möchte solche Regeln landesweit einführen. Diese Regulierung würde die Preise um mindestens 20 Prozent ansteigen lassen, schätzt der Branchenverband Kibesuisse.
Schneider-Ammanns FDP hält wenig von den Plänen. Fraktionschef Ignazio Cassis sagt: «Im ganzen Betreuungssektor geht der Trend leider seit langem Richtung übertriebene Professionalisierung.» Staatliche Eingriffe führten aber «nicht automatisch zu einer besseren Qualität, doch bestimmt zu mehr Kosten».
Dabei hätten die Kitas heute schon ein Kostenproblem, die Tarife seien für viele Eltern am Limit. Greife der Staat nun durch, stelle dies die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Frage, sagt der Tessiner Nationalrat.
«Junge Frauen, die in diesem verantwortungsvollen Job vor der Lehre ein Praktikum machen wollen, sollen das weiterhin tun können.» Ansonsten müssten noch mehr Subventionstöpfe geöffnet werden, was die FDP ablehne.
SP spricht von «Ausbeutung»
Ganz anders sieht das SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi: «Es gibt leider Kitas, die auf dem Buckel von Praktikantinnen ihren Gewinn erwirtschaften. Ich kenne junge Frauen, die immer wieder auf eine Lehrstelle vertröstet wurden und am Ende mehrjährige Praktika absolviert haben.»
Das grenze an Ausbeutung. Die Kinderbetreuung, inklusive nun drohender Mehrkosten, solle die Allgemeinheit «solidarisch mit höheren Steuern» finanzieren.