Gleich vorweg: Ich glaube an Wissenschaft, an Impfungen und an die Evolutionstheorie. Trotzdem räuchere ich meine Wohnung für gute Vibes regelmässig mit Salbei aus, habe furchtbare Angst vor Geistern und liess schon mal meine Aura fotografieren. Als ich das erste Mal von Heil-Starrer Braco höre, muss ich lachen. Glaubt man seinen Anhängern, schafft es der Kroate allein mit seinem «gebenden Blick», Wunder zu verrichten und gar Krankheiten zu heilen.
Supermodel Naomi Campbell ist Fan von Braco
Der Heil-Starrer sagt bei seinen kurzen Auftritten kein Wort und bewegt sich kaum – die Kraft liegt allein in seinen Augen. Besucher berichten von Wärme und einem geborgenen Gefühl, das sie beim Augenkontakt mit Braco verspüren. Supermodel Naomi Campbell hatte bei einem seiner Heil-Auftritte Tränen in den Augen. Totale Abzocke oder unerklärliches Phänomen? Wir beschliessen, an der Messe «Lebenskraft» in Zürich den Selbsttest zu machen.
Ein Ticket für die Session mit Braco kostet 15 Franken – zusätzlich zum Eintritt für die Messe. Vor dem Eingang des kleinen Sitzungszimmers, in dem der Guru auftritt, kann man sich Bücher und DVDs holen. Quasi für die Seelenreinigung zu Hause. Seine Entourage tritt aalglatt und übertrieben freundlich auf. Ich fühle mich irgendwie eingeschüchtert und nervös. Muss ich heulen, wenn mich Bracos heilender Blick trifft? Muss ich anfangen zu lachen oder passiert überhaupt nichts?
Wir müssen erst ein Video über Braco schauen
Rund fünfzig Leute werden langsam in den Raum gelassen. Schwangere und Kinder dürfen nicht rein. Braco sitzt derweil hinter einem Raumtrenner. Bevor er uns mit seinem heilenden Blick beglücken kann, spricht ein Herr aus seinem Team. Rund zehn Minuten erklärt der Mann, der immer wieder betont, dass er Arzt sei, wie viel Wert er auf Wissenschaft legt und dass Bracos Besucher regelmässig von positiven Veränderungen durch die Begegnung berichten.
Er fragt, wer Braco schon einmal live erlebt habe. Eine ältere Frau in der vorderen Reihe meldet sich ein wenig zu schnell zu Wort und erklärt in gebrochenem Deutsch, dass sie seit zwanzig Jahren regelmässig zu Bracos Auftritten kommt.
Noch will Braco nicht auftreten. Zuvor spielt der Mann uns einen zehnminütigen Clip ab, der einmal mehr die Wunder des Heil-Starrers illustriert: Wir sehen eine Menge weinender Menschen, die Liebe und Wärme spüren. Ich werde nervöser. Bracos Auftritt wird dermassen aufgebauscht, als würde gleich der Messias persönlich vor uns treten.
Ich zittere am ganzen Körper
Dann endlich Show-Time. Wir müssen alle aufstehen. Lizenzfreie Panflöten-Musik setzt ein. Braco scannt die Augen der Zuschauer mit seinem Welpenblick der Reihe nach ab. Ich zittere am ganzen Körper. Aber nicht, weil mich Liebe durchflutet – Bracos Blick ist mir unangenehm, die ganze Situation ist mir unangenehm. Mir ist heiss und meine Nervosität auf dem Höhepunkt. Braco schaut rührselig, niemand sagt ein Wort. Nach rund drei Minuten ist alles vorbei. Eine Frau im Burberry-Trenchcoat bringt ihn aus dem Raum.
Wieder ergreift der Mann vom Anfang das Wort, sagt, er sehe viele ergriffene Gesichter vor sich. Er fragt, wer etwas spürte – ich sehe nur etwa fünf Hände, die in die Luft gehen. Er weist darauf hin, dass Braco am nächsten Tag im Zürcher Volkshaus zu erleben ist – dort ist sein «gebender Blick» stündlich von eins bis sieben zu sehen. Wie viel Geld er wohl mit einem Tag Heil-Starren macht?
Als wir den Raum verlassen, sehe ich einen Strauss Rosen auf einem Tisch liegen, die wohl jemand für den Heiler mitgebracht hat. Ich denke an die vielen Menschen, die mit Krankheiten und Problemen kämpfen und in Braco vielleicht die letzte Hilfe sehen. Das macht mich traurig. Es mag sie geben, die Leute, die tatsächlich eine Sensation verspüren, wenn Braco sie anschaut. Schön, dass es Menschen gibt, die daraus Kraft schöpfen können. Bei mir hinterliess der Besuch bei Braco ein schales Gefühl. Vielleicht hätte es geholfen, wenn er seine protzige Gold-Uhr und das funkelnde Armband vor dem Auftritt abgelegt hätte.