Eine Woche nach dem Tod der grossen Maria Becker (†92) attackiert ihr Sohn Oliver Tobias (65) das Zürcher Schauspielhaus. «Alles Heuchler!», sagt der in London lebende Schauspieler («Deadly Instinct») zu BLICK. Er sei überrascht gewesen, wie Intendantin Barbara Frey (49) die Schauspielerin in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens in den höchsten Tönen gelobt habe. «Sie tat so, als wäre Maria Becker bis zum Schluss eine von ihnen gewesen. Dabei hat man sie in den letzten 20 Jahren ausgebootet.»
Laut Oliver Tobias begann alles unter Gerd Leo Kucks Intendanz (1992–1999). «Nachdem meine Mutter Dürrenmatts ‹Frank der Fünfte› mit grossem Erfolg inszeniert hatte, fragte sie Kuck, ob sie nochmals Regie führen dürfe. Seine Antwort lautete: ‹Nur über meine Leiche!›» Auch die folgenden Intendanten hätten Maria Becker gemieden. «Sie galt als zu altmodisch, wobei gerade ihre direkte und unverblümte Art des Spielens bestechend war», sagt Tobias.
Während des Zweiten Weltkrieges habe Becker mit dem damaligen Ensemble, das in zwei Jahren 58 Premieren bestritt, den Pfauen zur Weltbühne gemacht. Sie feierte Erfolge als Shen Te in Brechts «Der gute Mensch von Sezuan» oder als Kleists Penthesilea.
Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey hält die Kritik für ungerechtfertigt. «Für mich war es selbstverständlich und ein persönliches Anliegen, eine verstorbene Grosse der Bühne zu ehren, die einer ganz anderen Theatergeneration angehörte als ich und die keinen Hehl daraus machte, dass sie mit den neuen Ästhetiken nichts mehr anfangen konnte», sagt sie zu BLICK. Maria Becker sei bis ins hohe Alter im Pfauen auf der Bühne gestanden und habe würdig und professionell Abschied genommen. «Zuletzt feierlich anlässlich ihres 90. Geburtstages auf der Schauspielhausbühne», so Frey.
Oliver Tobias schüttelt den Kopf. «Die Zuschauer, die Maria Becker sehen wollten, sind zu kurz gekommen. Man hat sie ausrangiert. Dabei hat sie das Schauspielhaus zum Ruhm geführt, von dem es heute noch zehrt.»