Auf einen Blick
- David Lynch, Meister des Absurden, hinterlässt ein grosses Loch
- Lynch forderte Selbstreflektion und Ironie von seinem Publikum
- 2019 erhielt er einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk
«Am meisten mag ich Absurdität im Leben», sagte David Lynch (†78) einst in einem Interview. Tatsächlich schien es oft so, als mache sich der Amerikaner einen Jux daraus, seine Zuschauerinnen und Zuschauer an der Nase herumzuführen – und sie ratlos zurückzulassen. Dialoge in seinen Filmen (wie beispielsweise «Wild At Heart» mit einem jungen Nicolas Cage, heute 61) muten auch heute noch teilweise sinnbefreit an, hatten für Lynch aber stets einen tieferen Sinn: Er gab seinem Publikum nie die unmittelbare Befriedigung der einfachen Erzählform, er forderte von allen, die seine Filme sahen, ein Mass an Selbstreflexion und Ironie. Nicht zuletzt darum wählte er als wiederkehrendes Motiv immer wieder einen Spiegel.
Das gefiel nicht allen – vor allem in den 1980ern und 1990ern, als sich Hollywood grösstenteils mit Märchen wie «Pretty Woman» selbst auf die Schulter klopfte, bot Lynch mit der Darstellung des Verfalls des «American Dream» einen bisher noch nicht dagewesenen Kontrapunkt – am besten zu sehen in seiner Vorstadt-Dystopie «Blue Velvet» oder der Kult-Krimiserie «Twin Peaks». Erst 2019 würdigte auch die Academy in Hollywood sein Schaffen mit einem Ehren-Oscar.
Kafka als Vorbild
Vor allem «Twin Peaks» gilt als Blaupause für Erfolgs-Serien wie den Science-Fiction-Hit «Stranger Things», die von ihrem Publikum das Äusserste abverlangen: sich auf den Horror des Alltags einzulassen und auszuhalten, gewisse Gegebenheiten einfach nicht verstehen zu können und sich mit dem filmischen Rätsel abzugeben. Dennoch wollte Lynch nicht bloss schockieren und verwirren, in all seinen schweren, langatmigen Stoffen sah er auch immer etwas Humoristisches. Nicht zuletzt deshalb nannte er zeitlebens Franz Kafka (1883–1924) als seine grösste Inspiration: «Der eine Künstler, bei dem ich wirklich das Gefühl habe, er könnte mein Bruder sein […] ist Franz Kafka. Auf den stehe ich wirklich sehr. Einige Sachen zählen zum absolut Aufregendsten, was ich überhaupt gelesen habe.»
Zum letzten Mal Regie führte David Lynch letztes Jahr für den Kurzfilm «We'll Deliver 'em» – da war er körperlich schon angeschlagen. Am 16. Januar gab seine Familie den Tod des Regisseurs bekannt: ««Es gibt jetzt ein grosses Loch in der Welt, da er nicht mehr bei uns ist. Aber wie er sagen würde: ‹Behalte den Donut im Auge und nicht das Loch.›» 2024 hatte der Amerikaner öffentlich gemacht, dass er nach jahrelangem Rauchen an Emphysem erkrankt war und wahrscheinlich nie mehr als Regisseur arbeiten könne.