Auf einen Blick
- Bob Dylan und Joan Baez werden im Film «A Complete Unknown» porträtiert
- Monica Barbaro als Joan Baez überzeugt mit starker Darstellung
- Film läuft ab 27. Februar in Deutschschweizer Kinos
«How many roads must a man walk down, before you call him a man?», singt Bob Dylan (83) in seinem wohl bekanntesten Song «Blowin' in the Wind». Ob er ihn jemals von der Kante eines klapprigen Betts in einer klapprigen Wohnung seiner damaligen Freundin Joan Baez (84) vorgetragen hat, ist historisch nicht belegt. Genauso wenig, ob die beiden Folk-Legenden überhaupt jemals ein Paar waren – oder lediglich als Muse des jeweils anderen dienten.
Unbeantwortete Fragen zu Dylans Vita gibt es etwa so viele an der Zahl, wie er im Lauf seiner Karriere Songs geschrieben hat. Genau hier setzt das Hollywood-Biopic «A Complete Unknown» (dt. «Ein komplett Unbekannter») ein: Wieso hegt Dylan seit jeher den inhärenten Wunsch, sich ständig neu erfinden zu müssen und um seine Persona fast zwanghaft ein Rätsel aufrechtzuerhalten? Spoiler: Wir erfahren es nicht.
«Er gab ihr die Worte dazu»
Good News: Joan Baez, gespielt von der grossartigen Monica Barbaro (34), liest Dylan im Film auf eben diesem Bettrand ordentlich die Leviten – und schmeisst ihn (gespielt von Timothée Chalamet, 29) aus der Bude: «Sie hatte sein lauwarmes Wischiwaschi-Getue satt», erklärt Barbaro im Gespräch mit Blick. «Baez wollte nicht einfach sein Anhängsel sein.» Oder um es mit den Worten des Maestros selbst zu sagen: «It ain't me you're looking for, babe».
Mit dem Rauswurf hat Baez die Tonart für «A Complete Unknown» angegeben: Dylans chauvinistisches Gehabe, das er immer wieder versucht hinter dem revolutionären Geist der 60er zu verschleiern, geht ihr gehörig auf den Keks. Die Schauspielerin sieht das nachträglich allerdings etwas differenzierter: «Sie hatte natürlich auch grosse Ambitionen und wollte mit ihren Songs etwas auslösen – er gab ihr die Worte dazu.» Um dann aber doch noch anzufügen: «Eigentlich hat sie Dylans Karriere lanciert.» Man darf nicht vergessen: Trotz seiner Kauzigkeit gehört Dylan heute neben Leonard Cohen (1934–2016) zu den lyrischen Göttern des 20. Jahrhunderts.
«Hat geholfen, ihre Stimme zu hören»
Joan Baez hatte sich schon einige Zeit vor Dylan einen Namen gemacht – vor allem als starke Stimme gegen soziale Ungerechtigkeit, ihre Bedeutung für das Folk-Genre ist bis heute von unermesslichem Wert. «A Complete Unknown»-Regisseur James Mangold ist es hoch anzurechnen, dass er dem Zuschauer auf dem Weg durch Dylans Leben Baez als Instanz der Vernunft an die Hand gibt. Diese Herausforderung hat Barbaro bestechend umgesetzt. Auch mithilfe des realen Vorbilds: «Obwohl ich zuerst nicht wusste, ob ich überhaupt mit ihr sprechen will, hat es bereits wundersamerweise geholfen, ihre Stimme zu hören.»
Selbstredend wäre es vermessen, Bob Dylan und Joan Baez zu vergleichen – genauso wenig wie Chalamet und Barbaro. Nüchtern betrachtet stellt die US-Amerikanerin Hollywoods aktuellen Posterboy aber in den Schatten. Während Chalamet den bereits weit verbreiteten Stereotypen des grummeligen, nuschelnden Eigenbrötlers (vergleiche: Tiktok-Trend «Dylan-Core») jetzt auch noch auf Blockbuster-Niveau gehoben hat, ist Barbaros Darstellung von Baez magischer und unvorhersehbarer. Beide sind für einen Oscar nominiert: Chalamet als bester Hauptdarsteller, Barbaro als beste Nebendarstellerin. Sie hätte den Preis mehr verdient.
«A Complete Unknown» läuft ab 27. Februar in den Deutschschweizer Kinos.