Seit Beginn der Corona-Krise diskutiert die Schweiz über die wirtschaftlichen Folgen der staatlich verordneten Schliessungen von Restaurants, Coiffeurgeschäften und Gartenzentren. Geht es aber um die Bauwirtschaft, dreht sich die Debatte fast ausschliesslich um die Einhaltung von Schutzmassnahmen. Was dabei übersehen wird: Obwohl in den Lockdown-Wochen viele Baustellen offen blieben, musste auch die Baubranche kräftig Federn lassen.
Jetzt liegen die Zahlen vor – und die sind happig, wie eine Erhebung des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) zeigt. Im Tessin, wo der Shutdown auch die Baustellen lahmlegte, sind sämtliche Umsätze weggebrochen. In der von Corona stark betroffenen Romandie verzeichnet die Branche einen Einbruch um 40 Prozent. Einbussen im Bereich von 15 Prozent sind es schweizweit.
Projekte auf Eis gelegt
Maurer, Schreiner, Maler, Gipser, Gerüstbauer, Elektroinstallateure und Gebäudetechniker – 300'000 Beschäftigte arbeiten in der Schweizer Bauwirtschaft. Sie erbringen zehn Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung. Doch jetzt befindet sich die Hälfte von ihnen in Kurzarbeit. «Nun geht es darum, die Rezession abzufedern», sagt SBV-Zentralpräsident Gian-Luca Lardi (51). «Umso wichtiger ist, dass die Teile der Wirtschaft, die arbeiten können, das jetzt auch auf Hochtouren tun.» Und da ortet der Baumeisterverband das Problem. Lardi: «In der Krise haben die Behörden Bewilligungsverfahren sowie Planungs- und Ausführungsarbeiten an bereits bewilligten staatlichen Bauprojekten abgebremst oder gar sistiert.»
Deshalb preschen die Baumeister jetzt vor. Sie richten sich mit einem Fünf-Punkte-Plan an die Verantwortlichen in Bund, Kantonen und Gemeinden. Diese sollen die bestehenden Investitionsbudgets konsequent ausschöpfen, laufende Projekte vorantreiben und neue Vorhaben rasch lancieren. Sistierte Bewilligungsverfahren seien wiederaufzunehmen, verlangt der Verband weiter. Und auf den Baustellen selbst fordert er eine Lockerung der Schutzmassnahmen, sobald die Pandemielage dies zulasse.
«Keine Konjunkturprogramme, sondern Arbeit»
FDP-Ständerat Hans Wicki (56) ist Präsident von Bauenschweiz, der Dachorganisation der Schweizer Bauwirtschaft. Er unterstützt die Forderungen: «Jetzt muss die öffentliche Hand ihre Vorbildfunktion wahrnehmen. Es nützt nichts, wenn die Branche zwar arbeiten darf, aber keine Aufträge erhält.» Sein Parteikollege Christian Wasserfallen (38) ist Präsident von Infra Suisse, der Branchenorganisation der Infrastrukturbauer. Der Nationalrat stösst ins gleiche Horn: «Die öffentlichen Auftraggeber sollen ihre Projekte jetzt auf den Markt bringen. Es braucht keine Konjunkturprogramme, sondern Arbeit.»
Dafür sollen nach Überzeugung der Branchenvertreter die Behörden sorgen. Denn: «Sie haben eine Schlüsselrolle», sagt Hans Wicki. «Wenn sie nicht mit gutem Beispiel vorangehen, warum sollten es die privaten Investoren dann tun?»