Wegen eines Nachbarschaftsstreits kam es am Samstagnachmittag an der Fischingerstrasse 19 in Sirnach TG zu einem Sonderkommando-Einsatz von Spezialtruppen der Kantonspolizei Thurgau.
Verhaftet wurde ein 58-Jähriger. Wie Recherchen zeigen, handelt es sich um Charly Egli. Der IV-Rentner öffnet BLICK die Tür, ist lieb und lustig. «Das werde ich nie wieder tun», sagt er und erzählt von seiner Aktion am Samstagnachmittag.
«Er hat mir fast die Tür eingetreten»
«Ich kam vom Einkaufen nach Hause und war etwas frustriert, deshalb liess ich laut Musik laufen.» Da pocht es an der Tür – laut und heftig. Es ist Eglis Nachbar (25), der erst seit drei Monaten über ihm wohnt. «Er hat mir fast die Tür eingetreten. Ich wollte einfach, dass er damit aufhört. Wollte mir Respekt verschaffen und ihm bloss ein wenig Angst einjagen.»
Deshalb greift Egli in ein Körbchen unter seinem Tisch, wo er eine alte Softair-Gun seines Sohnes lagert. Sie sei aber nicht geladen gewesen, beteuert Egli. «Ich ging an die Tür und hielt ihm die Waffe ins Gesicht. Er wurde kreidenbleich und rannte wie ein kleines Reh wieder hinauf in seine Wohnung.» Egli ist zufrieden, denkt sich nichts weiter, dreht sich einen Joint und genehmigt sich ein Bierchen.
Blitzschnell überwältigt
Zehn Minuten später klingelt sein Telefon. «Da war ein Oberkommissar Sowieso am Draht und sagte, ich solle ohne Waffe an die Tür gehen und diese ganz langsam öffnen – ein Sonderkommando warte auf mich.» Egli tut, wie er angewiesen wurde.
«Im Gang standen etwa sieben oder acht Polizisten und überwältigten mich sofort. Blitzschnell lag ich auf dem Boden und hatte Handschellen an», erzählt Egli. Er kooperiert. «Nur als sie mir eine Augenbinde anlegten, bekam ich etwas Panik. Aber ich habe mich nicht gewehrt.» Er betont: «Die Polizei hat ihre Arbeit super gemacht!»
«Ich wollte mich bei ihm entschuldigen»
Egli kommt auf den Posten und darf am Abend wieder nach Hause. In seiner Wohnung beschlagnahmten die Einsatzkräfte vier Luftgewehre. «Ich bin für niemanden eine Gefahr. Die Waffen waren allesamt harmlos und ich hatte sie vor Jahren für meinen mittlerweile erwachsenen Sohn gekauft.»
«Ich weiss, dass ich einen Seich gemacht habe», sagt Egli. «Mir war nicht bewusst, was ich damit auslösen würde.» Beim Nachbarn wollte er sich am selben Abend entschuldigen, als sie sich in der Bar im Erdgeschoss ihres Hauses trafen. «Aber er lief mir davon und sagte, dass er Angst vor mir habe. Dabei krümme ich keinem ein Haar. Deshalb möchte ich mich jetzt auf diesem Weg bei ihm entschuldigen.»
«Das werde ich nie mehr im Leben vergessen»
Auch der Nachbar spricht mit BLICK, will sagen, dass er keine Wut gegen Charly Egli hege und ihm vergebe. «Aber er hat mir schon einen grossen Schrecken eingejagt. So eine Reaktion geht einfach nicht.»
Der 25-Jährige betont, dass er die Türe sicher nicht «fast eingetreten» habe. Wie so oft, wenn Charly Egli so laut Musik höre, habe er zuerst angerufen, dann durchgehend geklingelt. Erst als eine Reaktion ausblieb, begann er abwechselnd zu klopfen und zu läuten. «Irgendwie muss man sich ja erkennbar machen. Aber er hatte keinen Grund, Angst vor mir zu haben», sagt der 25-Jährige. Doch drei Sekunden später blickt er in den Lauf der Pistole – Charly Egli habe dabei kein Wort gesprochen.
«Ich hatte Todesangst, war in einem Schockzustand, den ich nie mehr im Leben vergessen werde», schildert der junge Mann. Die Pistole habe täuschend echt ausgesehen – die Polizisten hätten ihm später gesagt, dass selbst sie den Unterschied nicht sofort erkennen könnten. «Ich flüchtete schnurstracks in meine Wohnung zurück und danach aus dem Haus, wo ich mich erstmals wieder in Sicherheit fühlte.»
«Er hat mir erneut Angst eingejagt»
Nach dem Polizeieinsatz trafen sich die beiden am Abend zufällig in der Bar im Erdgeschoss. «Das Herzpochen kehrte zurück», erzählt der 25-Jährige. «Als ich ihn anschaute, stellte ich fest, dass Charly Egli leicht grinste. Das löste bei mir Wut und Angst zur gleichen Zeit aus. Danach sagte ich leicht energisch zu ihm, dass er mir Todesangst eingejagt habe und ich hoffe, dass es ihm leid tut. Von Einsicht war nichts zu spüren und sehen.» Im Gegenteil, der 58-Jährige habe zu ihm gesagt, dass der Vorfall noch Konsequenzen nach sich ziehen werde. «Das hat mir wiederholt Angst eingeflösst. Die Polizei hatte mir bis dahin immer noch nicht mitgeteilt, dass es bloss eine Softair-Waffe war.»
Der 25-Jährige übernachtete in der darauffolgenden Nacht bei seiner Schwester. Nun sucht er sich eine neue Wohnung.