Es ist ein Alpinisten-Drama, das an Tragik nur schwer zu überbieten ist. Im Gebiet Pigne d'Arolla im Wallis sind am Sonntagabend insgesamt 14 Skitourenfahrer unterwegs: eine Zehner-Gruppe mit einem Bergführer und eine Gruppe mit vier Skitourenfahrern.
Die Alpinisten stammen aus Italien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Beide Gruppen verlassen am frühen Morgen die Cabane des Dix (2928 m ü. M.). Sie wollen über die klassische Route La Serpentine zur Berghütte Cabane des Vignettes auf 3157 Metern. Eine anspruchsvolle Route, die als Königstour für Skitouren gilt. Bei schlechten Wetterbedingungen gilt sie als riskant.
Die Schlechtwetterfront macht ein Weiterkommen unmöglich
Am Sonntagabend bestätigt sich der Ruf. Nur rund 400 Meter vor dem erlösenden Ziel geraten die 14 Alpinisten oberhalb von Arolla in eine Schlechtwetterfront. Ein eisiger Sturm mit viel Schneefall und dickem Nebel macht das Weiterkommen unmöglich.
Bergführer Mario C.* (†59) führt die Zehnergruppe an. Der Italiener aus Como lebt im Muggiotal im Tessin. Er hat die Bergtour mit seiner Firma in Chiasso TI organisiert.
C. ist ein erfahrener Bergführer, seit 1991 lebt er von seiner Passion. Er bestieg auch drei Achttausender: den Manaslu in Nepal und im Tibet die Berge Cho-oyu und Shisha-Pangma.
Letzte SMS: «Ich gehe morgen auf mein grosses Abenteuer»
Die Gruppe startet am 26. April. In sechs Tagen soll es von Chamonix (F) nach Zermatt VS gehen. Der Tourengeher-Klassiker Haute Route zählt zu den schönsten Routen der Welt.
Mit dabei ist auch Elisabetta P.* (†44). Die Lehrerin aus Bozen (I) macht ein einjähriges Sabbatical. «Ich gehe morgen auf mein grosses Abenteuer», schreibt sie noch vor der Abreise per SMS an einen Freund. «Der Rucksack ist bereit. Hoffen wir, dass die Beine die Kilometer und den Höhenunterschied verkraften.» Auch ihr Mann (†45) kommt mit auf die Tour.
Auch das befreundete Ehepaar Marcello B.* (†53) und seine Frau Gabriella (†52) aus Bozen gehören zu der Tourengruppe. Marcello B. ist ein bekannter Unternehmer im Südtirol, seine Frau arbeitet als HR-Chefin bei einer Firma, die Keramik- und Geschenkartikel herstellt.
Bergführer wollte Hilfe holen
Der verhängnisvolle Sonntag ist der vorletzte Tag der Haute-Route-Tour der Zehnergruppe. Als der Eissturm aufkommt, schliesst sie sich mit den anderen vier Tourengängern zusammen. Aber: Die 14 Alpinisten stecken fest. Weit und breit kein Handy- oder Radioempfang.
Die Stimmung kippt, man ist verzweifelt. Bergführer C. beschliesst schliesslich Hilfe zu holen und macht sich allein auf die Suche nach der Berghütte Cabane des Vignettes. Vergeblich: Der Italiener stürzt im Schneesturm ab.
Die restlichen 13 Tourengänger müssen auf einer Höhe von 3270 m ü. M. die Nacht im Freien verbringen. Die Temperatur liegt bei minus fünf Grad. Mit Windböen von bis zu 100 km/h und Schneefall ist die gefühlte Temperatur jedoch extrem tiefer.
Alarm am Montagmorgen
Am Montagmorgen schlägt der Hüttenwart der Cabane des Vignettes Alarm. Zuerst war eine Person als vermisst gemeldet. Retter rückten aus. «Vor Ort sahen wir, dass mindesten zehn Personen auf einem Eishang blockiert waren», sagt Pascal Gaspoz, Koordinator bei der Air Glaciers.
Sieben Rettungshelikopter machen sich mit Ärzten und Gebirgsspezialisten auf. Sie finden Mario C. – er ist tot. Die übrigen 13 Tourengänger werden vorerst gerettet und in Spitäler im Wallis, in Bern und Lausanne geflogen.
Auch Frau von Bergführer stirbt
Die beiden Ehepaare Marcello A. und Gabriella B. sowie Elisabetta P. und ihr Mann sterben kurz darauf an schwerer Unterkühlung. Gestern Dienstag verliert auch die Frau des Bergführers ihr Leben: die Bulgarin Kalina D.* (†52). Und am Mittwoch verstirbt eine weitere Italienerin im Spital.
Zwei Tourengänger – ein Schweizer (72) und eine Französin (56) sind am Mittwochabend immer noch schwer verletzt im Spital, sind aber ausser Lebensgefahr.
War die Tour angesichts der schlechten Wetterprognose fahrlässig? Die Walliser Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eröffnet.
* Namen der Redaktion bekannt