Muskeln auf Rollen

Publiziert: 16.06.2006 um 16:19 Uhr
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Aktualisiert: 06.09.2018 um 21:28 Uhr
Carl Just

Braungebrannte, durchtrainierte Beine so weit das Auge reicht: Am Startbalken zum Inline-Marathon von Sursee drängeln die weltbesten Inline-Skater um die ideale Position. Unser Land gilt als globales Mekka der «geilen Rollen»: Heute Sonntag donnern die Skater rund um das Zürcher Seebecken, am nächsten Samstag durch die Traumlandschaft des Engadins. Inline ist mehr als nur Sport, nach je-dem Rennen steigt eine gewaltige Party – Fun, Musik und Lifestyle sind genauso wichtig wie das Resultat.

Text: Carl Just
Fotos: Karl-Heinz Hug, Nicolas Righetti / REZO


Die Spitze ist mit gut 50 km/h am Winkelried-Denkmal vorbeigedonnert, fröhlich angefeuert vom Publikum an den vollbesetzten Tischen vor den Beizen. Jetzt, am Ausgang der putzigen Altstadt, packt der Schweizer Hüne seine Chance und nimmt all seinen Mut zusammen. Mit einem kraftvollen Antritt lässt Roger Schneider, 24, alle anderen stehen und entscheidet seine Schlacht von Sempach. Acht Kilometer später erreicht der Zürcher mit komfortablem Vorsprung das Ziel in Sursee LU.

Winkelried hat damals, vor 620 Jahren, bei Sempach die Österreicher geschlagen und seinen Mut mit dem Leben bezahlt. Schneider schlägt «nur» den kolumbianischen Inline-Superstar Diego Rosero – und den Rest der Inline-Weltelite, welche in diesen Wochen durch die sonnige Schweiz rollt.

«In einer tiefen Sturmkolonne, die vorn zugespitzt war, rannten die Eidgenossen an die Speermauer ihres Feindes heran», berichtet der Chronist von der Schlacht bei Sempach 1386. Auch die Sturmkolonne, welche jetzt um den Sempachersee rollt, spitzt sich vorn zu – die 42 Marathonkilometer selektionieren. Ganz vorne hält nur mit, wer hart trainiert; so wie Roger, der Zwei-Meter-Mann. Der Zimmermann aus Zürich ist kein Zufallssieger: Er hält mit 58 Minuten und 17:o4 Sekunden seit drei Jahren den Inline-Weltrekord über die Marathondistanz, Europameister war er auch schon. Demnächst wird Schneider, der heute noch halbtags als Zimmermann arbeitet, voll ins Profilager wechseln. «Als Amateur hast du keine Chance mehr in der Spitze», sagt er. Roger Schneider trainiert im Winter auf Eis: In einem holländischen Team kämpft er sich auf Schlittschuhen über die Bahn. Im Frühjahr holt er sich die Grundkondition auf dem Fahrrad im warmen Italien.

«Zu meinem 13. Geburtstag erhielt ich ein Paar Inline-Skates geschenkt. Seither bin ich angefressen – das Tempo, das Adrenalin, die Superstimmung an den Rennen lassen mich nicht mehr los», erklärt er.

Durch das «Skater-Village» im Zentrum von Sursee wummern rockige Klänge aus dem Programm des Lokalsenders Radio Sunshine – die Ländler vom guten alten Radio Beromünster ganz in der Nähe sind auch hier verstummt. Sursee, tief im Luzerner Hinterland, ist längst ein modernes Städtchen mit Hightech- und Computerfirmen vom Feinsten. «Der Inline-Cup ist das grösste Breitensportereignis der Region. Und die beste Party», wirbt Stadtpräsident Ruedi Amrein, bevor er Jacke und Krawatte gegen das knallgelbe Skater-Shirt tauscht und sich ins Startgelände begibt. Wenn sein Städtchen skatet, ist auch der Bürgermeister mit dabei. Tapfer startet er zu seiner 42 Kilometer langen Ochsentour auf Rollen.

Coni Altherr sagt: «Der Herrgott hat einen Fehler gemacht, er hat den Menschen Füsse statt Rollen verpasst.» Der 55-jährige ehemalige Drucker und Reprofotograf ist Veranstalter von World- und Swiss Inline Cup. Und «schuld» daran, dass die Schweiz heute das Mekka dieser Trendsportart ist. Schon früh in den 90er-Jahren entdeckte er «das Potenzial dieser geilen Rollen»: «Über 100 Millionen Menschen weltweit betreiben den Sport bereits, jedes Jahr kommen 5 Millionen neue Skater dazu.» In der Schweiz skaten 1,2 Millionen Menschen, in Europa besitzt jeder sechste ein Paar der schnittigen Schuhe mit vier oder fünf Rädern. Derzeit boomt das Inline in Asien, vor allem in Südkorea, Taiwan und China. Klar, dass der wirblige Altherr mit seinem rollenden Weltcup auch in Fernost Station macht, er hat je zwei Marathons in Südkorea und China im Programm – neben den Rennen von Basel, Sursee, Zürich und dem Engadin sowie Berlin, München (D) und Rennes (F).

Als Coni Altherr zwei Tage vor dem Rennen in Sursee eintrifft, plagt ihn ein gewaltiger Jetlag: Erst am Morgen ist er aus Incheon (Südkorea) zurückgekommen, wo sein World Inline Cup am Sonntag vor «Sursee» Station gemacht hatte. «Inline ist Spitzensport, Breitensport – und Party», sagt er. «Sport ist heute Fun, auch an der Spitze. Mit militärischem Drill und bürokratischen Verbänden holt man die Massen nicht mehr ab», sagt der Herr der Rollen am Sitz seines Iguana Think Thank in einer chaotisch-kreativen Büroloft im Chaltenboden hinter Schindellegi SZ.

Hier, zwischen Zürichsee und dem Sattel, liegt – etwas überraschend – das Zentrum der rollenden Weltbewegung. Die kleinen, trendigen Veranstaltungen, mit denen Altherr Anfang der 90er-Jahre startete, sind nur noch nostalgische Vergangenheit. Der Sport hat sich professionalisiert – und kommerzialisiert: Immer mehr wichtige Sponsoren drängen in den Wachstumssport, längst fahren die besten Skater und Skaterinnen in Werkteams, mit Stars und Wasserträgern wie im Radsport.

Sieger Roger Schneider fährt für die Sportkette Athleticum und den Hersteller Rollerblade. Aber auch branchenfremde Unternehmen wie der Computerchip-Hersteller MMC oder der Mineralwasser-Produzent Cristalp treten mit eigenen Teams an. Star bei der Henniez-Tochter Cristalp ist die Marokkanerin Ghizlane Samir, 29, die den Sport einst in der verrufenen Banlieu von Paris und am Fusse des Eiffelturms erlernte. «Das Skaten hat mich weggebracht von der Strasse», erklärt die hübsche, «nicht praktizierende Muslimin» doppeldeutig. Am Rennen von Sursee läuft es Ghizlane nicht nach Wunsch – ein Rang unter «ferner liefen». Siegerin wird einmal mehr die französische Erzrivalin Angèle Vaudan, 24.

Im Startgelände von Sursee kniet ein älterer Herr am Boden und perfektioniert mit Klebestreifen den Sitz der Rennschuhe seiner Tochter. Es ist Bill Begg, eine Inline-Legende aus Neuseeland und einst einer der ersten professionellen Trainer der boomenden Szene. Das Mädchen ist seine Tochter Nicole, die 19-Jährige gehört bereits zu den Top Ten der Welt. Seit sich der beleibte Neuseeländer ebenfalls im Mekka Schindellegi niedergelassen hat, können Fans beobachten, wie der Coach die weltbesten Skater
und Skaterinnen trainingshalber um den nahen Sihlsee hetzt.

Beim Startbalken am Martigny-Platz von Sursee hat sich jetzt die Weltelite bereit gemacht: mächtige, muskelbepackte Athletenbeine, endlos lang dank der Rollen unter den Füssen, als ob die Sportler auf High Heels antreten würden.

«Sursee» ist der beliebteste Schweizer Inline-Marathon, 6000 Spitzenathleten, Breitensportler und Kinder sind hier gemeldet. Danach geht die Tour weiter, heute Sonntag rund um das Zürcher Seebecken, nächstes Wochenende durch die Traumlandschaft des Oberengadins.

Abends um zehn kocht die Party auf dem Martigny-Platz ihrem Höhepunkt entgegen. An den Bars stauen sich die Gäste, die ungeduldig auf ihren «Sex on the Beach» warten. Roger Schneider lässt sich von seinem Team feiern – bei Mineralwasser. Gleich nach der Siegerehrung muss der Star des Tages weiter: Auf die Spitzenfahrer wartet im französischen Dijon anderntags schon der nächste Marathon. «Wir können erst in St. Moritz wirklich mitfesten, erst danach gibt es wieder eine Wettkampfpause», bedauert Roger Schneider, der Sieger.

Zurück auf dem Martigny-Platz in Sursee bleiben die bunten, abgekämpften Breitensportler und das Publikum. Und diese feiern bis tief in diese erste warme Nacht des Sommers ihre Schlacht bei Sempach.

«Bis nächsten Sonntag, am Bellevue in Zürich», verabschieden sich die Letzten, als es schon wieder hell wird.

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