Zur Sache! Neue Non-Fiction-Bücher
Nicht vergeblich vergeben

«Und der Mensch heisst Mensch, weil er irrt und weil er kämpft und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt», singt Herbert Grönemeyer (64). Und dieses Buch preist das Verzeihen als kostbares Pfand im Zusammenleben.
Publiziert: 08.08.2020 um 14:56 Uhr
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Aktualisiert: 08.08.2020 um 14:59 Uhr
ausgelesen von Dr. phil. Daniel Arnet

Ein guter Freund liess mich unlängst in einem Restaurant sitzen. Nein, er bot mir keinen Platz an, er kam nicht zum vereinbarten Termin. Stattdessen kam ein SMS: «Himmel!!! Wir hatten abgemacht. Und ich hatte es nicht in die Agenda eingetragen. Ist mir unendlich peinlich!!!» Natürlich habe ich ihm verziehen, aber vergessen habe ich diesen Abend nicht.

Nachtragend bin ich deswegen nicht. Das bestätigt mir die deutsche Philosophin Susanne Boshammer, wenn sie in ihrem eben erschienenen Buch schreibt: «Verzeihen und Erinnern sind durchaus miteinander vereinbar, denn Vergeben beinhaltet nicht das Auslöschen der Vergangenheit, sondern ermöglicht einen anderen Umgang mit ihr.» Oder wie es umgekehrt der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788–1860) formuliert: «Vergeben und Vergessen heisst, gemachte kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.»

«Die zweite Chance» von Boshammer ist allerdings keiner dieser populärwissenschaftlichen Ratgeber mit Titeln wie «Die erlösende Kraft des Verzeihens» oder «Die heilende Kraft der Vergebung». Vielmehr geht die Professorin für Praktische Philosophie der Universität Osnabrück (D), die früher in Zürich und Bern lehrte, dem Begriff des Verzeihens auf den Grund und erörtert, wann es angesagt ist, jemandem eine zweite Chance zu verweigern.

«Ist es, beispielsweise, überhaupt vertretbar, denen zu vergeben, die für sexuelle Gewalt an Kindern und Frauen in der katholischen Kirche verantwortlich sind?», fragt Boshammer. Oder den Nazis für ihre Gräueltaten an den Juden? Selbst das gibt es: Im Buch ist das Beispiel von Eva Mozes Kor (1934–2019) aufgeführt, die zusammen mit ihrer Zwillingsschwester für Menschenversuche von KZ-Arzt Josef Mengele (1911–1979) herhalten musste.

Boshammer deutet das so: «Menschen, die schwerstes Unrecht erlitten haben, berichten, wie entlastend es für sie war, den Schuldigen zu vergeben.» Ein jüngeres Beispiel dafür ist der französische Journalist Antoine Leiris (39), der beim islamistischen Massaker im Pariser Musiklokal Bataclan am 13. November 2015 seine Frau verlor, aber anschliessend in einem offenen Brief auf Facebook verkündete: «Meinen Hass bekommt ihr nicht.»

Krasse Beispiele gewiss. Doch «wenn wir jemandem verzeihen, verändern wir bewusst unsere emotionale Einstellung der Person gegenüber», schreibt Boshammer und sieht das Verzeihen als klares Vorrecht der Opfer. «Erlittenes Unrecht zu verzeihen, kann ein Ausdruck von Stärke sein und ist mit der Achtung vor uns selbst durchaus vereinbar.» Im Namen der Menschlichkeit und des Zusammenlebens plädiert sie: «Verzeih, wann immer es sich rechtfertigen lässt. Oft lässt es sich rechtfertigen.»

Susanne Boshammer, «Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten», Rowohlt

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