Tausende Schulabgänger befassen sich dieser Tage mit der Frage: Welchen Beruf wähle ich? Und: Erhalte ich die passende Lehrstelle?
So wie Rahel. Sie möchte eine kaufmännische Lehre machen, und sie ist sich bewusst: In den kommenden Tagen muss sie zwingend den Eignungstest namens Multicheck absolvieren. Ohne diesen beziehungsweise ohne das entsprechende Zertifikat braucht sie ihr Bewerbungsdossier erst gar nicht zu verschicken.
Wozu braucht man Eignungstest?
Eignungstests gab es schon immer. Doch früher war es üblich, dass die einzelnen Firmen ihre Tests selber konzipierten und durchführten. Bis sich vor über 20 Jahren in Bern einige Firmen zusammentaten, um einen gemeinsamen Test durchzuführen. Die ausgewerteten Ergebnisse sollten fortan alle Unternehmungen akzeptieren. Zwei Jahrzehnte später ist die Firmengruppe gateway.one, ansässig am Stadtrand von Bern, Marktführerin mit ihrem Online-Eignungstest Multicheck.
Die Idee sei noch die gleiche wie damals, sagt Geschäftsführer Adrian Krebs: «Wir machen mit dieser Eignungsanalyse nach wissenschaftlichen Grundsätzen einen berufsbezogenen Test.» Es wird also nicht primär Schulwissen abgefragt. «Wir schauen in die Zukunft und fragen: Welche kognitiven Fähigkeiten sollte jemand mitbringen, um im Beruf X oder Y zu reüssieren?»
So funktioniert Multicheck für die Lehre
Der Multicheck ist nicht der einzige Test auf dem Markt, sicher aber der bekannteste: Landauf, landab sind es gut 30 000 Anwärterinnen und Anwärter für eine Lehrstelle, die seit Mai in einem der schweizweit 32 zertifizierten Testcenter diesen Test absolvieren. Je nach Branche und Beruf dauert die Analyse zwischen 1½ und 4 Stunden. Bei der Anmeldung zu entrichten ist eine Gebühr zwischen 60 und 100 Franken.
Für Rahel bedeutet das: Der Multicheck «Kauffrau/Kaufmann» dauert circa 3½ Stunden und kostet 100 Franken. Neben Sprachen werden bei ihr unter anderem das vernetzte Denken und die Organisationsfähigkeit gecheckt:
- Deutsch, die erste und zweite Fremdsprache, wählbar zwischen Französisch, Englisch, Italienisch
- Mathematik
- Logik
- Konzentration
- Kurzzeitgedächtnis
- Merkfähigkeit
- Vorstellungsvermögen
- Organisationsfähigkeit
- vernetztes Denken
- Textschreiben
- Deutsch, die erste und zweite Fremdsprache, wählbar zwischen Französisch, Englisch, Italienisch
- Mathematik
- Logik
- Konzentration
- Kurzzeitgedächtnis
- Merkfähigkeit
- Vorstellungsvermögen
- Organisationsfähigkeit
- vernetztes Denken
- Textschreiben
Der Multicheck ist nicht unumstritten
Zwei Arbeitstage nach absolviertem Check findet Rahel ihr Zertifikat in ihrem persönlichen Gateway-Profil. Auf diesem Karriereportal haben die Jugendlichen ihr Profil; dort können alle Bewerbungsunterlagen gespeichert werden. Auch kann man seine Bewerbung direkt online versenden.
Der Multicheck ist nicht unumstritten. Ein wesentlicher Kritikpunkt: Der Eignungstest sei eine Momentaufnahme und von der Tagesform des Jugendlichen abhängig. Sagt etwa Urs Berger, stellvertretender Direktor der Wirtschaftskammer Baselland und Leiter Berufs- und Weiterbildung. «Das kann zu Resultaten führen, die nicht sehr aussagekräftig sind.»
Jede Prüfung, jeder Test und letztlich jedes Bewerbungsgespräch sei eine Momentaufnahme, entgegnet Adrian Krebs. Dies sei mit ein Grund, weshalb eine Unternehmung nie nur den Multicheck als alleiniges Kriterium für die Beurteilung eines jungen Men schen berücksichtigen sollte. Krebs: «Der Multicheck ist idealerweise nur ein Puzzleteil in einem Beurteilungsportfolio aus Zeugnis, Schulleistungstest, Lebenslauf und Schnupperberichten.»
Die Entwicklung von validen Testverfahren kostet viel Geld
Ein anderer Kritikpunkt: die Kosten, welche die Lehrstellensuchenden selber zu bezahlen haben. Adrian Krebs verweist als Geschäftsführer von gateway.one und damit von Multicheck auf den «enormen Aufwand» seines Teams – Psychologen und Informatiker vor allem –, um die einzelnen Eignungsanalysen zu konzipieren und à jour zu halten. Erstens. Und zweitens bemerkt er, dass der Multicheck das einzige Tool von gateway.one sei, das man bezahlen müsse.
Die übrigen Leistungen würden von der Wirtschaft finanziert und seien für die Jugendlichen und Eltern kostenlos. So würden die Berufswahl-Lehrmittel kostenlos an Schulen abgegeben, und auch die Berufswahl-Analysen via App und Berufswahl-Messen, die jährlich von rund 20 000 Schülerinnen und Schülern gemacht würden, seien kostenlos.
Dass die Entwicklung von validen Testverfahren viel Geld kostet, wissen auch die Kantone, die sehr viele Mittel in eigene Schultests stecken. Namentlich nennt Krebs die standardisierten Leistungsmessungen Check S2 und Check S3, die in der Nordwestschweiz flächendeckend an den Sekundarschulen durchgeführt werden. Man darf davon ausgehen, dass die Kantone Aargau, Solothurn sowie beide Basel jährlich mehrere Millionen Franken aufwenden für die Entwicklung, Durchführung und Auswertung der Checks.
Der Unterschied liegt darin, dass die Schüler und Eltern den Multicheck selber berappen müssen, während andere Leistungstests der Staat finanziert. Allerdings gibt es vereinzelt Unternehmungen und Firmen, die beim Zustandekommen eines Lehrvertragsabschlusses die Gebühr zurückerstatten.
Multicheck ist die einzige dreisprachige Eignungsanalyse
Ein dritter Kritikpunkt: Junge Leute, die eine Lehrstelle wollten, seien faktisch gezwungen, einen Multicheck zu machen. «Jein», sagt Adrian Krebs. Die Multicheck-Eignungsanalysen hätten sich zu einem wichtigen Bestandteil einer Bewerbungsmappe entwickelt, und Unternehmen mit professioneller Personalauswahl verlangten diesen Check genau wie ein Zeugnis und andere Schulleistungstests.
Die Lehrstellensuche mit Multicheck oder anderen Leistungstests sei mit einem «hohen mentalen und finanziellen Aufwand» verbunden, sagt Beatrice Kunovits, Leiterin Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung Baselland. Kunovits: «Das ist eine Herausforderung für pubertierende Jugendliche und ihre Eltern, darin Wertschätzung respektive einen (erzieherischen) Wert zu erkennen.»
Weshalb ist der Multicheck so populär geworden? Dies hänge damit zusammen, dass vor allem viele Kleinbetriebe weder die Zeit noch die Finanzen hätten, um solche Tests selber durchzuführen, sagt Krebs. «Der Multicheck ist die einzige Eignungsanalyse, die in drei Sprachen verfasst ist. Sie ist objektiv und kann deshalb in allen Landesteilen eingereicht und verglichen werden.»
Der Multicheck ist vor allem in der kaufmännischen Branche beliebt. Danach folgen die technischen Berufe (zum Beispiel Geomatiker, Polymatiker, Automatiker und Konstrukteur) und die Informatiker, dann die Berufe im Gesundheitsbereich und im Detailhandel. Schweizweit bekennen sich gegen 300 Unternehmen und Betriebe auf der Website von gateway.one zu den Multicheck-Eignungsanalysen. Adrian Krebs ist zufrieden: «Wir haben wohl seit über 20 Jahren einen guten Job gemacht.»
Dass es sich um einen lukrativen Markt handelt, haben mittlerweile auch andere realisiert. So mischt die Basis-check AG seit 2001 im Markt mit. Die Firma mit Sitz in Basel bezeichnet sich selbst als Marktführerin bei der berufsunabhängigen und wissenschaftlich geprüften Eignungsabklärung. Tatsächlich unterscheiden sich Basis-Check und Multicheck vor allem dadurch, dass nur der Multicheck die unterschiedlichen Arbeitswelten berücksichtigt. Basis-Check stellt allen Teilnehmenden die identischen Fragen, ist also nicht berufsspezifisch aufgebaut. Ähnlich funktionieren die Tests der Firma Kompass in Zürich.
In jüngster Zeit schwappen zunehmend auch ausländische Anbieter von Online-Rekrutierungstools ins Land. In der Schweiz gibt es auch weiterhin Branchen und Berufsverbände, die berufsspezifische Fähigkeiten mit eigenen Testverfahren ermitteln. Zum Beispiel die Automobilbranche, die Gebäudetechnik, das Maler- und Gipsergewerbe sowie die Zahntechniker. Ebenfalls auf eigene Testverfahren setzen Unternehmen der Life-Science-Branche, etwa Novartis und Roche.
Die Berufslisten finden sich unter www.multicheck.org
Checks S2 und S3: Im vergangenen Jahr wurden im Bildungsraum Nordwestschweiz erstmals flächendeckend standardisierte Leistungsmessungen an der Primar- und Sekundarschule durchgeführt. Diese Checks S2 (Mitte 2. Sekundarschule) und S3 (Ende 3. Sekundarklasse) lassen einen Vergleich der Schülerinnen und Schüler im gesamten Bildungsraum Nordwestschweiz zu; die Ergebnisse bilden den Kompetenzstand der Schülerinnen, der Klasse und der gesamten Schule ab.
Stellwerk: Stellwerk 8 und 9 sind Leistungstests, die vor allem im Kanton Zürich durchgeführt werden. Das webbasierte Testsystem ermöglicht eine Standortbestimmung in den Fächern Mathematik, Deutsch, Französisch, Englisch, Natur und Technik. Die Schüler haben Zugriff auf ihr individuelles Leistungsprofil.
Checks S2 und S3: Im vergangenen Jahr wurden im Bildungsraum Nordwestschweiz erstmals flächendeckend standardisierte Leistungsmessungen an der Primar- und Sekundarschule durchgeführt. Diese Checks S2 (Mitte 2. Sekundarschule) und S3 (Ende 3. Sekundarklasse) lassen einen Vergleich der Schülerinnen und Schüler im gesamten Bildungsraum Nordwestschweiz zu; die Ergebnisse bilden den Kompetenzstand der Schülerinnen, der Klasse und der gesamten Schule ab.
Stellwerk: Stellwerk 8 und 9 sind Leistungstests, die vor allem im Kanton Zürich durchgeführt werden. Das webbasierte Testsystem ermöglicht eine Standortbestimmung in den Fächern Mathematik, Deutsch, Französisch, Englisch, Natur und Technik. Die Schüler haben Zugriff auf ihr individuelles Leistungsprofil.