In Zürich erfunden
Neue Trinkflasche soll den Zuckerkonsum reduzieren

Ein Forscher und Unternehmer hat eine Trinkflasche erfunden, durch die man weniger Zucker zu sich nimmt – ohne dass man es merkt. Sie reduziert den Zuckergehalt in Getränken um bis zu 40 Prozent. Eine Crowdfunding-Aktion läuft.
Publiziert: 25.07.2022 um 19:16 Uhr
Cédric Sax (rechts) und Alessandro Hofman (links) sind Gründer des Unternehmens potiio. Mit ihren manipulativen Flaschen leisten sie nicht nur einen Beitrag zur Volksgesundheit, sondern auch zur Umwelt.
Foto: Potiio
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Fabien Goubet

Was wäre, wenn sich eine scheinbare Tatsache als blosse Illusion entpuppte? Wenn unser Gehirn denkt, dass wir etwas Süsses wie etwa einen Saft trinken, dabei handelt es sich um nichts weniger als Wasser. Dieser Streich ist einem Wissenschaftler aus Zürich gelungen: Er hat eine Flasche erfunden, die unsere Geschmackswahrnehmung verzerrt.

Die Geschichte begann mit einer Limonade. Cédric Sax ist Wissenschaftler für Materialphysik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Eines Tages trank er unmittelbar nach einem Schluck seines Lieblingsgetränks Sinalco etwas Wasser. Er merkte: Noch immer schmeckte er die süssen Noten der Limonade. Da sich in vielen Softgetränken Unmengen an Zucker verbergen, fragte er sich: Kann man dieses Phänomen kontrollieren? Wie kann man den Geschmack von Zucker imitieren, ohne ihn zu konsumieren?

Seine Fragen wurden zu einer Idee, die Form annahm: Aufbauend auf seiner wissenschaftlichen Recherche entwickelte er die Potiio-Flasche, abgeleitet vom lateinischen potio, Trank. Das Prinzip ist dasselbe wie bei einer schnell blinkenden Glühbirne oder einem Stroboskop: Man hat den Eindruck, dass sie heller ist, als sie es in Wirklichkeit ist – der sogenannte Brücke-Bartley-Effekt. «Wir möchten dieses Phänomen im Gehirn reproduzieren, allerdings mit dem Geschmacks- anstelle des Sehsinns», erklärt Cédric Sax.

Der 3D-Druck des Prototyps sieht wie jede andere Trinkflasche für Sportler aus, mit zwei Ausnahmen. Im Flascheninneren gibt es einen separaten Behälter, in denen eine 50-Milliliter-Kapsel mit dem zuckerhaltigen Getränk geschoben werden kann. Der Rest der Flasche wird mit Wasser gefüllt. Weiter ist das Flaschenventil so konstruiert, dass zuerst etwas vom zuckerhaltigen Getränk und schliesslich Wasser austritt, wenn aus ihr getrunken wird.

Die Kapseln für zuckerhaltige Getränke, hier in Form von Reagenzgläsern, werden in das mittlere Fach eingelegt.
Foto: Potiio
Auf diesem Zungenmodell, das mit einer Hochgeschwindigkeitskamera gefilmt wurde, sieht man, wie das süsse (dunkle) Getränk zuerst die Zunge erreicht, während das Wasser erst danach kommt (klare Flüssigkeit).
Foto: Potiio

Cédric Sax' Hypothese lautet: Unsere Geschmacksknospen bleiben nach dem Trinken zuckerhaltiger Getränke noch einen Moment aktiviert. Wird unmittelbar danach Wasser getrunken, empfinden wir dieses noch immer als süss. Was dabei im Hirn passiert, will er mit Messungen an Freiwilligen mit Hilfe eines Elektroenzephalogramms (EEG) herausfinden. Fest steht schon heute: Ihren Berechnungen zufolge kann der Zuckergehalt in Getränken mit ihrem Prototyp um 30 bis 40 Prozent reduziert werden.

Parallel dazu untersuchen Wissenschaftler die Gehirnmechanismen, die diesem Phänomen der Geschmacksillusion zugrunde liegen.
Foto: Potiio

Gemeinsam mit seinem Kollegen Alessandro Hofman hat Cédric Sax eine Crowdfunding-Kampagne auf der Crowdify-Website gestartet. Die beiden Partner sammeln Geld, um ihre ersten Potiio-Flaschen zu produzieren. Sie hoffen, die ersten Produkte bereits 2023 auf den Markt zu bringen. Die Kapseln mit dem zuckerhaltigen Getränk würden idealerweise von bestehenden Getränkeherstellern abgefüllt werden. Laut Sax und Hofman benötigt die Produktion der Kapseln ausserdem nur einen Bruchteil des PETs, das für übliche Flaschen verwendet wird, und stösst bis zu 65 Prozent weniger CO2-Emissionen aus.

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