Darum gehts
- Bundestagswahl: Umfragen, Prognosen und Hochrechnungen begleiten den Wahlprozess
- Prognosen um 18 Uhr basieren auf Exit Polls direkt nach Stimmabgabe
- Hochrechnungen verwenden Teilergebnisse aus zufällig ausgewählten Stimmbezirken
Wir schliessen den Ticker
Die Bundestagswahl in Deutschland ist zu Ende, und damit schliessen wir den Ticker. Über alle weiteren Entwicklungen in Deutschland halten wir dich aber auf dem Laufenden. Bis zum nächsten Mal!
AfD nimmt wohl Skandal-Politiker in Fraktion auf
In der Diskussion um die umstrittenen AfD-Politiker Maximilian Krah (48) und Matthias Helferich (36) rechnet Parteichef Tino Chrupalla (49) mit einer Aufnahme der beiden Abgeordneten in die neue Bundestagsfraktion. Darüber würden die Landesgruppen im Laufe des Tages beraten, sagte Chrupalla am Montag dem Fernsehsender Phoenix. «Ich gehe davon aus, dass sie aufgenommen werden.» Zuvor hatte Chrupallas Ko-Chefin Alice Weidel (46) gesagt, sie wolle der Entscheidung bei der konstituierenden Fraktionssitzung am Dienstag nicht vorgreifen.
Der Europapolitiker Krah hatte am Sonntag im sächsischen Wahlkreis Chemnitzer Umland-Erzgebirgskreis II mit deutlichem Abstand die meisten Erststimmen erhalten und damit den Einzug in den Bundestag geschafft. Der zum ultrarechten AfD-Lager zählende Politiker sitzt seit 2019 im Europaparlament und war bei der Europawahl im vergangenen Juni Spitzenkandidat. Dann wurde ein Mitarbeiter Krahs wegen des Verdachts der Spionage für China festgenommen. Ausserdem soll Krah Gelder aus Russland angenommen haben, was er bestritt.
Wenige Wochen vor der Europawahl sorgte Krah mit verharmlosenden Äusserungen über die SS für zusätzliche Empörung. Krah wurde von der AfD-Spitze um Weidel vom Wahlkampf suspendiert, die AfD-Delegation im Europaparlament schloss ihn aus ihren Reihen aus. Die AfD gründete gemeinsam mit rechtsextremen Parteien aus sieben weiteren EU-Ländern eine neue Fraktion im Europaparlament, der Krah nicht angehört. Der Dortmunder AfD-Politiker Helferich wiederum zog am Sonntag über die nordrhein-westfälische Landesliste erneut in den Bundestag ein. Er hatte sich 2017 in einem nicht öffentlichen Facebook-Chat als «das freundliche Gesicht des NS» bezeichnet. 2021 war Helferich erstmals in den Bundestag eingezogen. Er schloss sich dann aber nicht der AfD-Fraktion an und sass als fraktionsloser Abgeordneter im nun scheidenden Parlament.
Merz strebt Koalition mit SPD an
Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (CDU) strebt nach seinem Erfolg bei der Bundestagswahl eine Koalition mit der SPD an. Die Union und die Sozialdemokraten hätten im neuen Bundestag genug Mandate, um eine schwarz-rote Koalition zu bilden, sagte Merz. Er werde noch am Montag mit SPD-Chef Lars Klingbeil und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) Gespräche dazu führen.
Merz bekräftigte, dass er aus dem Wahlergebnis von 28,6 Prozent für die Union einen klaren Regierungsauftrag ableitet. Ziel sei es nun, eine «vernünftige Übergangsphase» vorzubereiten. In den Gesprächen mit der SPD wolle er vorrangig drei Themenbereiche besprechen: Aussenpolitik, Migration sowie Wirtschaft und Industrie.
Merz machte aber deutlich, dass er auch das unter der Ampel-Koalition geänderte Wahlrecht wieder ändern wolle, weil es «einseitig gegen die Union» gerichtet sei. 15 Wahlkreisgewinner der CDU und drei der CSU schafften wegen des neuen Wahlrechts den Einzug in den Bundestag nicht. «Ein solches Wahlrecht beschädigt unsere Demokratie», sagte Merz.
Esken will deutsche SPD-Chefin bleiben
Die SPD-Chefin Saskia Esken will auch nach dem Debakel der deutschen Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl Parteivorsitzende bleiben. Sie habe mehr als fünf Jahre mit grosser Freude an der Geschlossenheit der Partei gearbeitet, sagte Esken in der Berliner Parteizentrale. «Und das gedenke ich auch weiter zu tun.»
Ihr Co-Vorsitzender Lars Klingbeil will ebenfalls an der Parteispitze bleiben und greift zusätzlich nach dem Fraktionsvorsitz.
Scholz will «Arbeit bis zum letzten Tag ordentlich zu Ende» führen
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat nach der Niederlage seiner Partei bei der Bundestagswahl angekündigt, seine «Arbeit bis zum letzten Tag ordentlich zu Ende zu führen». Deutschland habe in seiner Amtszeit vor einer der größten Herausforderungen seit 1945 gestanden, betonte Scholz am Montag im Willy-Brandt-Haus.
Er sei «dankbar dass ich in dieser besonderen Zeit in der Lage war, dafür zu sorgen, dass sich unsere Politik in diesem Land mit dieser Herausforderung beschäftigt». Den Stimmenanteil von 16,4 Prozent bezeichnete Scholz als «bitteres Wahlergebnis».
CSU-Chef nach Bundestagswahl: Letzte Patrone der Demokratie
Der deutsche CSU-Chef Markus Söder sieht Christdemokraten und Sozialdemokraten in einer gemeinsamen Verantwortung, in einer künftigen Regierungskoalition ein weiteres Erstarken extremer Kräfte zu verhindern.
«Dies ist tatsächlich die letzte Patrone der Demokratie», sagte Söder nach einer CSU-Vorstandssitzung in München. Wenn es nicht gelinge, einen Richtungswechsel zu organisieren, dann werde Deutschland weiter nach rechts aussen schlingern, warnte er. Weiter mahnte er, es brauche nun eine Koalition der Vernunft und der Bodenständigkeit. Es brauche jetzt vor allem einen grundlegenden Richtungswechsel im Land. «Ich glaube, dass mit der SPD ein solcher Richtungswechsel organisierbar ist.»
Als zentrales Thema nannte Söder die Begrenzung der Migration. Das sei ein gemeinsamer Auftrag. «Ich glaube, dass das möglich ist.»
Linke zu AfD: «Wir werden ihnen den Osten nicht überlassen»
Die Linke sieht sich nach ihrem guten Abschneiden bei der Bundestagswahl gestärkt, um der AfD auch künftig Stimmen streitig zu machen. Sie freue sich, dass die Linke in ihren sechs gewonnen Direktwahlkreisen «die AfD besiegen konnte», sagte Parteichefin Ines Schwerdtner in Berlin. Dies sei ein klares Zeichen dafür, «wie man auch die AfD schlagen kann». Es zeige, «dass wir vor Ort bereit sind, gegen die AfD anzutreten und auch zu gewinnen».
Die Linke habe demonstriert, «dass sie konsequent mit sozialer Politik, aber auch mit Nahbarkeit, mit wahnsinnig vielen Haustürgesprächen» Wahlkreise gewinnen könne. «Wir werden ihnen den Osten nicht überlassen», sagte Schwerdtner weiter über die AfD. Die Parteichefin selbst gewann in Berlin-Lichtenberg ihren Wahlkreis gegen die AfD-Politikerin Beatrix von Storch.
Orban gratuliert Weidel – aber nicht Merz
Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban hat nach der deutschen Bundestagswahl der AfD-Chefin Alice Weidel gratuliert, nicht aber dem Wahlsieger Friedrich Merz. «Das Volk von Deutschland hat in riesiger Zahl für den Wandel gestimmt», schrieb der ungarische Rechtspopulist auf der Plattform X. «Ich möchte Alice Weidel dazu gratulieren, den Stimmanteil der AfD verdoppelt zu haben.»
Orbans Fidesz-Partei war 2021 nach Konflikten um den Demokratieabbau und die Rechtsstaatlichkeit in Ungarn aus der Europäischen Volkspartei (EVP) ausgetreten, der auch CDU und CSU angehören. Zur AfD unterhält Fidesz keine formellen Parteibeziehungen, auch sitzt die in Teilen als rechtsextremistisch eingestufte deutsche Partei nicht in der von Orban gegründeten rechtspopulistischen Fraktion Patrioten für Europa im Europaparlament.
Dennoch hatte der ungarische Regierungschef in letzter Zeit engeren Kontakt zu Weidel gesucht. Am 12. Februar hatte er die AfD-Chefin an seinem Amtssitz in Budapest mit einem Zeremoniell empfangen, das dem eines Staatsbesuchs glich.
Habeck will keine wichtige Rolle bei deutschen Grünen mehr
Grünen-Kanzlerkandidat Robert Habeck will in Deutschland keine wichtige Funktion in seiner Partei mehr ausfüllen. «Ich werde keine führende Rolle in den Personaltableaus der Grünen mehr beanspruchen oder anstreben», sagte er in Berlin. «Es war ein grossartiger Wahlkampf», sagte der bisherige Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler. Aber auch: «Es ist kein gutes Ergebnis, ich wollte mehr, und wir wollten mehr.»
Habeck war das Gesicht der Grünen im Wahlkampf, die Kampagne war ganz auf ihn zugeschnitten. Die Grünen hätten in der schwierigen «Ampel»-Koalition viel weniger stark verloren als die beiden Partner von SPD und FDP, heisst es in der Partei. Dennoch: Habeck war mit dem klaren Ziel Kanzleramt angetreten.
Nun hat Habeck seine Partei nur auf Platz vier geführt. Den Grünen bleibt nur die Opposition. Die beiden Parteichefs Franziska Brannter und Felix Banaszak wollen weitermachen.
Musk lobt schnelle Stimmenauszählung in Deutschland
US-Techmilliardär und Präsidentenberater Elon Musk hat die schnelle Auszählung der Stimmen bei der Bundestagswahl gelobt. In seinem Onlinenetzwerk X kommentierte er Posts des Accounts «End Wokeness» (Wokeness beenden), in denen die schnelle Bekanntgabe des Wahlergebnisses gelobt wurde, am Montag mit den Worten: «In Amerika sollte es genauso sein.» «Deutschland hat es geschafft, 100 Prozent der 50 Millionen Stimmen in weniger als acht Stunden auszuzählen und es waren alles Stimmzettel auf Papier. Ja, es ist machbar», hiess in einem der Posts.
Mit dem Begriff «woke», der ursprünglich ein waches Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit und Rassismus bezeichnet, werden im rechten und rechtsextremen Lager abwertend Positionen bezeichnet, die als überempfindlich, dogmatisch oder als deutlich zu liberal aufgefasst werden.
Der Weg von der Stimmabgabe bis zum amtlichen Endergebnis der Bundestagswahl ist lang und wird von Prognosen und Hochrechnungen begleitet. Ein Überblick der verschiedenen Erhebungen rund um die Wahl zum 21. Deutschen Bundestag am kommenden Sonntag.
Umfragen
Vor der Wahl erscheinen zahlreiche Umfragen von Meinungsforschungsinstituten. Das Prinzip dabei ist fast immer gleich: In der Regel zwischen tausend und 1500 zufällig ausgewählte Wahlberechtigte werden befragt. Auf dieser Grundlage wird dann von den Meinungsforschungsinstituten ein Ergebnis etwa für die Sonntagsfrage («Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre...») berechnet.
Diese Umfragen sind allerdings keine Prognosen für den Wahlausgang, sondern nur ein aktuelles Stimmungsbild. Umfragen «geben lediglich das Stimmungsbild für die Parteien zum jetzigen Zeitpunkt wieder und stellen keine Prognose für den Wahlausgang am 23. Februar dar», stellte die Forschungsgruppe Wahlen bei der Veröffentlichung des aktuellen «Politbarometers» klar. Bis zum Wahltag könnte es noch Veränderungen geben – «durch kurzfristige Entwicklungen, koalitionstaktische Überlegungen und unterschiedliche Mobilisierungserfolge der Parteien».
Übersehen wird oft auch, dass die Institute selbst immer auf einen Fehlerbereich hinweisen. Dieser liegt zwischen in der Regel bei plus/minus zwei oder drei Prozentpunkte – daraus ergibt sich eine beträchtliche Spannweite.
Prognosen
Die am Wahlsonntag um Punkt 18.00 Uhr veröffentlichten Prognosen lagen in der Vergangenheit dagegen oft schon ziemlich nah am Endergebnis, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch kein einziger Wahlzettel ausgezählt ist. Die Prognose beruht auf Befragungen von Wählern direkt nach Verlassen des Wahllokals. Sie füllen dazu einen Fragebogen der Wahlforscher aus. Diese sogenannten Exit Polls bilden die Grundlage für die Berechnungen der Wahlforscher.
Die Meinungsforschungsinstitute nehmen die Wählerbefragungen am Wahltag vor einzelnen ausgewählten Wahllokalen anonym vor. Niemand ist verpflichtet, Auskunft zu geben.
Hochrechnungen
Weniger als eine Stunde nach der Prognose werden in der Regel die ersten Hochrechnungen der Meinungsforschungsinstitute veröffentlicht. Diese beruhen dann nicht mehr auf Befragungen, sondern auf amtlichen Auszählungen in zufällig ausgewählten Stimmbezirken. Aus diesen amtlichen Teilergebnissen errechnen die Meinungsforschungsinstitute das wahrscheinliche Gesamtergebnis. Diese Zahlen werden im Verlauf des Wahlabends immer exakter, weil immer mehr Teilergebnisse einfliessen.
Amtliches Endergebnis
Das vorläufige Endergebnis veröffentlicht die Behörde der Bundeswahlleiterin in der Wahlnacht auf Grundlage der amtlichen Ergebnisse aus allen Wahlbezirken. In der Regel liegt dieses erste offizielle Ergebnis am frühen Montagmorgen vor. Das endgültige Ergebnis wird erst Wochen nach der Wahl verkündet.
Zunächst überprüft die Bundeswahlleiterin die von den Landeswahlausschüssen ermittelten Ergebnisse aus den 16 Bundesländern. Schliesslich stellt dann der Bundeswahlausschuss das Ergebnis fest, dem neben der Bundeswahlleiterin als Vorsitzender noch acht Beisitzer und zwei Richter des Bundesverwaltungsgerichts angehören.